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Bad Brückenau. „Dreimal umgezogen ist so gut wie einmal abgebrannt“. Diese Erkenntnis des Staatsmannes, Erfinders, Naturwissenschaftlers und eines der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, Benjamin Franklin, lässt sich knapp drei Jahrhunderte nach ihrem erstmaligen Ausspruch in Teilen auch auf die Tafel Bad Brückenau übertragen. Wer umzieht, muss mit Verlusten rechnen, zum Beispiel durch „Verschwinden“ oder „Beschädigen“ eines Teils der Ware und des Hausrates. Nach dem dritten Umzug sei vom ursprünglichen Besitz so gut wie nichts mehr vorhanden oder brauchbar – diese Meinung jedenfalls vertrat seinerzeit Franklin. Und nach ihm taten dies viele Protagonisten im Zusammenhang mit Umzügen.

Nun, ganz so schlimm war es bei der Bad Brückenauer Tafel nicht, weil deren „Gründerväter und -mütter“ im Vorfeld des großen Umzugs entsprechend geplant und eine logistische Meisterleistung vollbracht hatten. So war zwar einerseits ein gewisser „Schwund“ an Bestand und Material zu verzeichnen, der sich in erster Linie mit abgelaufenen Gebrauchszeiten, ausrangierten Altlasten und sperrigem Sondermüll von Tischen, Stühlen und Kühltruhen erklären lässt. Andererseits wurden diese verkraftbaren Defizite aber gleich wieder mit zusätzlichem Equipment, mit Regalen, Schränken und unter anderem auch einer nigelnagelneuen Küchenzeile mehr als adäquat kompensiert.

So ist die Tafel Bad Brückenau nach ihrer Gründung durch Jutta Leidenberger im Jahr 2005, einem dreimonatigen Kurzaufenthalt im alten Gymnasium am Kirchplatz und knapp 15 Jahren im ehemaligen Landratsamt nur wenige Schritte davon entfernt, nun endlich an ihrem neuen, dem dritten Standort in der Dr.-Gartenhofstraße 6 (Nähe Polizei, hinterer Eingang über den Goetheweg, im Untergeschoss der früheren Kfz-Zulassungsstelle und jetzigen Tierarztpraxis Knuchel) angekommen. Ein sicherlich „nur kleiner Schritt für die Menschheit“ (um den ersten Astronauten auf dem Mond, Neil Armstrong, frei zu zitieren) – aber ein großer Schritt für die hiesige Tafel. Nur mit großer Weitsicht, Verantwortung und Entscheidungsfreudigkeit des Führungsduos Hans-Jürgen Schelle und Klaus Hartmann sowie unter der tatkräftigen Mithilfe vieler ehrenamtlich Engagierter konnte das neue Domizil offiziell am 1. Juni bezogen werden. Mitunter stand aufgrund mancher Ungewiss- und Unwägbarkeiten sogar der Fortbestand der Bad Brückenauer Tafel auf der Kippe, bis schließlich beim – für alle Tafel-Anliegen ein offenes Ohr habenden – Firmenchef David Martin in der Liegenschaft des gleichnamigen Elektrounternehmens am Hammelburger Berg eine neue Bleibe gefunden und mit ihm ein Pachtvertrag für die nächsten zehn Jahre abgeschlossen wurde. Eine schwierige Übergangsphase für die örtliche Tafel unter noch schwierigeren äußeren Umständen – die Corona-Krise ließ schön, besser „schlecht“ grüßen.

Dies alles hielt die beiden „Krisenmanager“ Hartmann und Schelle und dutzende Unterstützer mit hunderten freiwilligen helfenden (rechten, darunter freilich auch einigen „linken“) Händen in den letzten Mai-Wochen jedoch nicht davon ab, die Mammut-Aufgabe „Großumzug“ in Angriff zu nehmen. Da wurden in Tag- und Nacht-, früher Morgen- und später Abendarbeit Böden verlegt, Wände geweißelt, Elektroleitungen angeschlossen, Rohre gereinigt, Bleche geschweißt, Löcher gebohrt, Bohlen gesägt, Kanten geschliffen, Pinnwände angeschraubt, Türen im Tafel-Label orange gestrichen, Bretter lackiert, unzählige Tische, Schränke und Regale abmontiert und wieder aufgebaut. Toujours hallten mehr oder weniger „eindeutige Ansagen“, Kommandos und „versteckte“ Komplimente an die „Handlanger“ und „fleißigen Bienchen“ durch die alten und neuen heiligen Tafel-Hallen: „Hans-Jürgen, hältst Du bitte mal die Strebe“. „Hans-Peter, ich wollte einen Schraubenzieher, keinen Schraubenschlüssel“. „Jutta, Heidi, Josi und Irmi: ein Riesenlob. So schön waren die Fenster noch nie geputzt“. „Hermann, holst Du mal einen 10er Bohrer?“ „Heinz, kannst Du bitte vom Bauhof einen Gabelstapler für das Umladen der ausrangierten Kühltruhe organisieren? Und Karl und Bobby – ihr fahrt die dann morgen mit dem Sprinter nach Wirmsthal zur Sondermüll-Deponie, oder?“ „Max und Kim, nehmt doch die Rollwägen zum Transport der schweren Regale, da plagt ihr euch nicht so.“ „Klaus und Rolf – ihr Zwei seid zu allem zu gebrauchen, euch kann man überall hinstellen.“ „Nico, dein selbst entworfenes Werbeplakat für die Tafel ist spitze, über dem Haupteingang bestens platziert und akkurat montiert.“ „Traudel und Martina haben sich schwer ins Zeug gelegt und die alten Räumlichkeiten besenrein übergeben. So leergefegt ohne Menschen und Material sieht das schon irgendwie komisch aus.“ „Wenn wir Brigitte, Nina und Anja nicht hätten, dann könnten wir gleich einpacken.“ Und, und, und…

Eine Herzensangelegenheit und stundenlange ehrenamtliche Spitzenleistung aller Beteiligten also – der Umzug. In diesem Zusammenhang dürfen selbstverständlich auch die Sponsoren und Firmen nicht unerwähnt bleiben, die mit monetären Mitteln und immaterieller Unterstützung der Tafel im wahrsten Sinne des Wortes unter die Arme gegriffen haben. Angefangen vom Fußboden von Prause über Rampen und Türen der Holzwerkstatt Dill, Sanitärgeräte von Haustechnik Zeier, Stromanschlüsse von Elektro Martin, Riffelbleche von Metallbau Spahn, Kühlzellen-Installationen durch die Firma Kretz und Fahrzeuge des Bad Brückenauer Bauhofes bis hin zu den Großspendern Rhönallianz, der Aktion Mensch, den Gutscheinen der örtlichen Lebensmittelmärkte sowie im Besonderen durch die Kreissparkasse und Volksbank Bad Kissingen.

Dann standen am neuen Tafel-Standort im Goetheweg noch der Feinschliff an, restliche Reinigungs- und Aufräumarbeiten, der Aufbau von Zusatzregalen und deren Wiederbestücken mit Waren und Lebensmitteln, die Installation von Corona-Schutzvorrichtungen und das Implementieren von Hygiene- und Abstandsregeln. Nach zwei Ausgaben während der angespannten Pandemiezeit mit gepackten Tüten und Lebensmittelgutscheinen für die Berechtigten war am 17. Juni ab 15 Uhr dann wieder die Aufnahme des mittwöchigen Regelbetriebs am neuen Standort angesagt. Mit dem „alten“, aber immer noch und wieder hochmotivierten und -engagierten Tafel-Personal rund um die Vorstandschaft Hans-Jürgen Schelle, Klaus Hartmann, Jutta und Otto Leidenberger sowie Maria Heindorf.

Hans-Peter Ehrensberger